Birds 2013

Birds 2013
smatritje neba

19.2.17

Schnee aus leerer Wand

„Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige“, schreibt Walser. „Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“

(nach Die Welt - KULTUR TAGEBÜCHER  - Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki - Von Judith Luig Veröffentlicht am 14.03.2010) 

Ist es das: Sich die Erlaubnis zu einer Ohrfeige holen, weil sie nicht antisemitisch gemeint ist? Aber es ist doch eine Ohrfeige, die einer Moralkeule zuvorkommen will. Unsäglichen Lavieren.

10.1. 17

Es schneit. Ich gehe in die Stadt und versuche dabei, das Gefühl Virginia Woolf mitzuempfinden. Aber die Sensibilität ist auf basic ohne Kohlensäure. Keine Krähen in den bleiernen Wellen eines Glockenklangs.

Dann imaginiere ich eben das Projekt Walser nach.

Der Alte sinnierend vor einer leeren Wand. Das mit der Reue will nicht gelingen. Immer noch das Rattern des Ehrgeizes auf dem mit Schlaglöchern gepflasterten Boulevard eines deutschen Ruhms.

Ja, er hatte alles Glück einer Nachkriegsexistenz. Förderung, Beziehung nehme ich an. Aufschäumende Skandale taten das ihre dazu.

Wie war das mit den Flugzeugen über dem Haus? Der Ruhm hat ihn weit weg in eine Schreibe von 60-Seiten-Romanen entführt. Das Wort hat zuletzt nur noch erzählt. "Rank", na ja!

Er sagt "nackte Wand" zur leeren Wand. Etwas Trieb ist noch geblieben, läßt ihn die Wendung zur Rückschau, zu der halt auch die Reue gehört, nicht vollziehen.
Als sei stets Ziel und Wohlgefühl gewesen.

„Hast Du Lust auf Rache an Unverdientem?“
„Nenne Du mir Verdienst!“

Ich stelle mir vor, das Bewußtsein, sterben zu müssen, lege schon sein Dispersionsweiß auf Deine Aufmerksamkeit. All dies, was einmal war und wichtig war, liege unter einem Dunst fern am Horizont.

Wiederholungen dienen dem Versuch einer Rückkehr. Aber Du bist ein Schreiber, man erwartet Neues von Dir.

Das kommt Dir andererseits bezüglich des Problems Reue entgegen. Und der Betrieb ist treu. Man ruft nach Dir.

Wäre es nicht manchmal schön, vor einer Flasche Wasser zu sitzen und die Aussicht ins Nichts auf sich wirken zu lassen?

Rank: Er scheint noch recht drüssig auf die Welt.

 *

Mir scheint es schön, in den fallenden Schnee zu schauen. Aber auch das Nichts bietet interessante Rätsel zu Ich und Du. Was sein wird, werde ich bald erleben, was ich erlebte und versäumte, gewinnt an einem stärkeren Interesse, an einer schwereren Schwierigkeit.

Manchmal, angesichts des Leidens in der Welt, komme ich mir schäbig vor, so vor mich hin zu beobachten und zu schreiben. Ich könnte mehr helfen, ich hätte mehr helfen können. Mein Kompromiss besteht darin, etwas zu helfen, dann wieder zu schreiben.

Danke, Leben unbekannt, daß ich es noch kann!

12.2.17

Herz zuviel



Demasiado Corazon 


Er zeigt den Mann, dem der Regen in die Augen läuft, auf den der Schatten aus dem Himmel fällt. Von hier aus sieht es gar nicht mehr nach Depression aus. Und Trauer weicht neuem Tag.

Bagger im Park. Im Fasanengarten blühen Winterling und Schneeglocke, Birken hängen ihre gelben Samenwürste in den Wind; die Blumengeschäfte rufen  Osterglocken und Traubenhyazinthen aus. Tulpen und Krokus werben für Frühlingsanfang. 

Die Stadt wird bald die ersten Studentenpärchen über die Wiesen streuen, in die biologischen Erinnerungen der promenierenden Senioren. Alleine Erziehende und ehefaule Muttersöhnchen ziehen verliebt mit hüpfenden Enkeln an ächzenden Gelenken vorbei. Es ist schön wie Sonnenstrahlen in Deinem Haar, mein Glück.

Aus dem Weltraum der Hoffnungen ein erster lauer Wind. Die letzten Plastikweihnachtsbäume fallen von den Gräbern. Zeit, die Tannenzweige von Töpfen und Kreuzen zu nehmen. Von allen Seiten Gesang der Vögel. Der Zigarillo ist geraucht und ausgedrückt. Weg damit und nehmt mich mit in die Zeit!
X und Y kommen auch mit. Wir gehen unter knospenden Bäumen. Der Betonturm der Kirche von 1950 sagt: "Halte mich!" Er kann mit Gottes Freiheit noch nichts anfangen. Auf der großen Straße säuft sich die Jugend in die Fastnachtsverblödung. Angst der Großen. Laß!

Bald ist es wieder schön zu joggen, Motorrad zu fahren, hinaus zu gehen auf der Suche nach dem See des Jetzt. Wir gehen, gehen, reden weiter miteinander im Herz der Hoffnung. Es zwitschert von allen Seiten. Aus allen Herzen singt es in den Frieden.

-auch im Tagebuch Karlsruhe - Klaus Wachowski 12.2.17

21.1.17

Beim Pio


All along the watchtower.  

-Text aus Tagebuch Karlsruhe -

Ich kann Dir nicht mehr sagen, was der Hit war und was die Rückseite der Platte, für deren Abspielen wir untereinander sammelten. Jimmy Hendrix. Heute hörte ich „all along the watchtower“ und ich wurde erinnert. Ja, wir brauchten Jimmy Hendrix und Bob Dylan.
Es war ein italienisches Eiscafe', beim "Pio", in dem wir uns trafen. Dieser „Ausländer“ war der einzig Mutige in der kleine Stadt, der so eine Musik in seiner Musikbox spielen ließ. Draußen üble Stimmung. Düstere Gespräche über die rote Gefahr aus dem Osten und die Sozis hier, abschätzige Bemerkungen über die Amis und verkniffene Gesichtszüge einer malochenden Armut. Wir aber wollten leben. All das war weit weg von dem, was uns hinaus und zueinander zog. "I can't get no satisfaction", die Stones hatten recht.
Und da hinein schlugen plötzlich explodierende Laute und von Stimmen von Selbstvertrauen. Unerhörte Melodien. Wir verstanden nicht, was dieser Jimmy Hendrix sang. Aber das war klar: Die Sehnsucht hieß "Freiheit".
Wir standen nicht auf, und bis wir zur ersten Demo gingen vergingen noch Jahre. Wir tranken Tee (dauert länger, bis er kalt ist und ist billiger - Geld sparen für Musikbox) und warteten. Wochen, Monate auf ein Irgendwas. Die unterschiedlichen Schulwege führten uns voneinander weg. Wir warteten in anderen Räumen, mit anderen Freunden.
Eins war klar: es gab irgendwo Freiheit. Und ersehnt, doch unvermutet kam die Liebe.
Immer wieder in der Vergangenheit hat der Egoismus des Spießers und das Wir-Zuerst der Menschenverachtung versucht, die 68er Hoffnungen auszulöschen. Sie haben nun die Macht, eine russische Depression aus Amerika. Es wird wohl etwas länger dunkel sein.
Wohin geht Ihr, um einander zu treffen? Was sind Eure Lieder? Was bringt Euch zusammen?
Ich wünsche Euch ein Leben der Freundschaft und der Liebe - in Freiheit.
Das Lied war „Purple Haze“.
20.1.17 Klaus Wachowski

4.1.17

Rote Krabbe auf der Weihnachtsinsel

Es ist ein Anblick des Jammers. Terra X zeigt einen Beitrag über die Weihnachtsinsel, von Millionen von feuerroten Krabben in riesigen Strömen durchwandert.

Dann richtet sich die Kamera auf dieses Exemplar. Sie hat mit riesigen Scheren zwei Ameisen gepackt. Der Kommentator erklärt, dass die Zeit der roten Krabben wohl vorbei ist. Heere von eingeschleppten Ameisen verätzen den Krabben Augen und Mund. Sie können sich nicht mehr ernähren und verhungern.

Essen Ameisen Krabben? Möglich.

Mich dauert der Anblick der nun leicht zur Seite gekippten Krabbe mit dem trüben Auge und dem tropfenden Mund.

Ich hasse unter den Tieren zur Hauptsache die Mörder. Ansonsten sind sie mir eher gleichgültig. Menschen bedeuten mir regelmäßig mehr.
Die Natur ist wie das Leben: schön zu leben, schön und schrecklich zu sein, schrecklich und manchmal schön zu sterben.

Die Ameisen kommen. Nützlich, nicht wahr? Sie killen, was ihnen unterkommt. Laß sie gehn! Aber die Krabbe dauert mich. Sie darf nicht einmal in Ruhe sterben.

Ich stelle mir unter Gott dieses Gefühl vor, das in mir ruft: "Nein!" und doch keine Macht hat, es zu ändern. Vielleicht hat es dem Kameramann den Wunsch eingegeben, die Krabbe auf einem von Ameisen freien Platz auszusetzen und die Augen mit Wasser abzuspülen.

"Sentimental!" -  Sagt wohl die Vernunft. Ich denke: "menschlich".

Die Vernunft sagt - ganz ameisenhaft: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Ich habe diesen Satz oft mit erhobenem Zeigefinger gesagt. Jetzt habe ich dazu keine Lust mehr. Das Gefühl hat einigen Raum von der Vernunft zurückerobert. Ich bin Jahre älter, als Brecht wurde.

16.11.16

Spree

Durch Schreiben bewältige ich Erfahrungen.
Anne Sexton an ihre Ärztin

Das sind die zusätzlichen Voraussetzungen, damit Dichter leben können. Fußballer brauchen auf gleiche Weise ihren Kick. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Soweit mein Credo.

Auch in diesem Leben spricht sich aus: Liebe sucht Einsamkeit, Einsamkeit Sex. So kommen Menschen in die Welt, bleibt sie bewohnt. Aber die Berührung öffnet der Sexualität die Sehnsucht Liebe. So kommt Sanftheit und Wärme in die Welt, Glück.

Eine junge Mutter fährt ihren Edelkinderwagen die Spree entlang.

"Sieh hinauf: es wird immer wieder Tage geben voll Kälte und Regen. Und kein Ende in Sicht! Was hilft Liebe unter grauem Himmel, was der Mensch? Hier bleibst Du Ich und ohne Du. Du mußt etwas tun, ein Licht anzünden, Dich an ein brennendes, ein warmes Wort setzen. Es lohnt. Regnete der Regen auch jeglichen Tag."

Die Mutter wird durch ihre Gedanken selbst stärker und richtet sich auf.
Anne rudert zu Gott. 

Er hat sie ja schon in ihre Arme genommen. Sie muß sich nur tiefer in seine Berührung graben. 

Es ist schwer. Du weißt es. Der Riß zwischen Ausleben und Lieben. Geh doch etwas sorgsam mit dem Menschen um, gerade mit dem, den Du Du nennst!
Du kannst nicht immer und überall helfen. Erfahren mußt Du es gerade an Deinen Liebsten, rudern sie zu Gott, fliegen sie der Befreiung vom Leiden zu.
Grau der Regen an der Spree. Wo Anne auf Gott zu rudert, scheint Sonne aus einem himmelblauen Himmel.

Nimm den Himmel von ihr. Aber gehe noch ein Stück Weg am Ufer. Auch Dein Weg führt zur Pforte des Nichts. Genau besehen wölbt sich bereits ihr Eckstein über Dir. 

Was kann ich Dir zeigen, das erleben lohnt? Fast alles! Ja, jetzt sind Tage grau. Setze Dich an eine glimmende Erinnerung, gut zum Anzünden von Hoffnung. Höre die Stimme in den Worten eines Du. Hast Du keines, worauf wartest Du, es zu finden? 

16.11.2016 Klaus Wachowski

20.9.16

Zwei Ausblicke



"Viertakter mit zwei oben liegenden Nockenwellen. Da gibts soo geile Sachen. Zahnradkaskade.- Die Italiener haben damals..." Der Altherrentisch kommt ins Schwelgen. Fredo Sega weiß nicht wie ihm geschieht.

Vor dem ins Billige gespreizten Post-Center steht einer am Cafétisch. Schwarze Zimmermannshose, schwarzes T-shirt, schräge Mütze. Er steht etwas gebeugt, um sich leichter abstützen zu können. Ein kleiner Kaffee, eine Zigarette. Nervös allein.

Das Holz ist geschnitten, der Eimer geleert. Er hat die vorgezogene Pause nicht weniger verdient als Du, die/der Du ihm jetzt hinter dieser Notiz hervor zusiehst.

Was sieht, erkennt, sucht er in den vorüber hastenden Glückssuchern? Und warum gehst Du Leute gucken? Es ist da etwas wie Glitzern auf Meereswellen, Zwitschern aus dem Wind in den Blättern.

Vor einem Jahr noch schaute er auf die Unkrautpromenade am Zaun des Betriebs seines Meisters. Aus der Leere in eine erstarrte Zeit. Da war Vogelzwitschern aus dem Wind in den Gärten.

Beides hat Schönheit, Sehnsucht und eine tonische Traurigkeit, die Lust auf mehr Warten macht.

Spürt er etwas von der Kälte einer Hinauferziehung? Oder war da Liebe und Wärme? Er zieht jedenfalls nicht wie ein Erstickender, eher mit einem leichten Aufleuchten der Augen an der Zigarette.

Das Leben versichert mir: "Der Mann ist okay!"

Dann in der Strassenbahn von S herein sitzen hintereinander drei, denen jemand oder etwas die Hoffnung aus der Haltung gekratzt hat.

Bleib bei Dir! Du hast immer zwei Ausblicke zur Verfügung.

9.9.16

Waldweg

Ich sah

das Licht, das in die Schatten bricht,
Schatten, der ins Leuchten kriecht.

Was ich auch sah,
ich erkannte nicht.


9.9.16 KW