Birds 2013

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smatritje neba
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14.8.23

Der Teemeister aus dem off

"Jener Weg war nur mein Weg. Du durftest ihn nicht gehen."

»Warum denn nicht?«

"Es war der Weg des Teemeisters R. Jeder Teemensch geht seinen eigenen Weg. Meister J, Herr S und dein Freund, der gute T, sie alle haben ihren eigenen Weg. Ich weiß nicht, ob er gut ist oder schlecht, aber ich, Rikyu, habe in dieser kriegerischen Zeit jenen kalten, kahlen, steinigen Weg gewählt."

"Wohin führt dieser Weg, Meister?"

"Er ist endlos. Doch wenn eine Zeit ohne Krieg kommt, wird ihn wahrscheinlich niemand mehr gehen. Aber da er allein Rikyus Weg ist, kann er ruhig mit ihm verschwinden."

Aus "Der Tod des Teemeisters" von Yasushi Inoe 1981 suhrkamp
                                  *
Mein Freund bleibt auf der Bank sitzen. Auch er ist eigenen Weg gegangen. Auch er hatte einen unmöglichen Herrn. Auch er ist über 70. Er sieht auf ein Foto der Stadt X am Schwarzen Meer. Die Armenier sollten damals ausnahmslos vernichtet werden. Das vergisst er nicht. Aber jetzt ist es auch wieder der Ort des Ursprungs, von wo Erinnerung und Wehmut fließen. Er lebt in der Welt des neuen Versprechens und der besseren Erinnerungen.

Mögen die Zeiten von Unrecht und  Verfolgung sich wieder am Horizont zeigen. Seine Angehörigen und Freunde und die Angehörigen der Freunde werden die Welt des Schwarms weiter in ihrem Herzen tragen. Und kein Zweifel: sie wird, wenn nicht bleiben, so doch wiederkomm-en - und eigene Wege offen halten. 

31.3.23

Alter weißer Mann, Smirc

Dr. Smirc,
alter weißer Mann

Ich glaubs nicht: "Laufen da etwa Tränen?"
Dr. Warnix, Psychagog und gern gesehener Gast auf Intensiv, beugt sich herab: "Was ist denn mein guter Alter?  Die haben Dich ganz schön zugerichtet!" Er betupft das blaue Auge mit dem Tempo, das er mühsam neben der Maske vorkramt.

Smirc rauh: "Alter weißer Mann? Du weißt doch, woher das kommt: aus der schwarzen Emanzipation: alt für Herrschaft, weiß für Herrschaft, Mann für Herrschaft. Macht hoch 3! Bei uns haben's die skandinavischen Pfarrerstöchter von der veganen Moral so gewendet: alt - was will der noch?, weiß - Privileg, Mann - brutal. Einmal ein "wow" im Netz gebraucht, und schon hat mir die Emma den Rollator weggekickt und irgendeine Ballerina den Stockschirm übergezogen."

"Aber Jacko! Da muss man doch nicht weinen? Das ist "halt so", wenn wir mal was sagen: Überflüssig, alt, schlüpfrig, eklig. Man/Frau hört nur das aus dem altem Ton. Einfach Maul halten, Teddybär. Lass uns rausgehn, unseren Weg."

Dr. Warnix, Psychagog und hergelaufener Trauerbegleiter, schiebt den Rollator wieder unter. Sie gehn Richtung Kindheit und Gott spendiert einen perlenden Amselgesang. Oho! An Ostern.

Amüsiert Euch gut, vegane Priesterinnen dessen, was sich gehört. Gehört alles Euch!

1.4.23 Klaus Wachowski 

6.3.15

Dunkel noch



Dunkel scheinen noch knorriger Stamm
und knorrige Äste.
Hell aber greift schon Licht des Frühlings
zwischen die Büschel der feingliedrigen Zweige.
Ein Nest erwartet tief in der Krone
neuer Bewohner frohen Gesang.

Unten beschwingt schwingt die Tasche
Abteilungsleiter Borderline.
denn gewiß ist Herrschaft
unterm Taubenschiß.

Hell aber greift schon Licht des Frühlings
in die dunkel tauenden Wasser der Liebe.
Und Freundschaft wohnt wieder bei Menschen.

06.03.2015 Klaus Wachowski

7.1.15

Herrschaft und Einsamkeit, eine Grabrede



Der alte Herr Schlämmer

Ich glaub, ich seh nicht recht: steht doch tatsächlich der alte Schlämmer im Schnee und fegt seinen Bürgersteig. Die rote Nase weist ihn als einen der wenigen Mächtigen in dem Zweitausend-Provinz-Seelendorf aus, die abgezirkelten Bewegungen als ehemaligen Streber vom Wiesbadener Coniferen-Gymnasium. Das professionelle Lächeln, mit dem er die beiden Herren Doctores grüßt,- (er legt Wert auf sein Wissen darum, dass es nicht Doktoren heißt)- es hat noch nicht unter dem Eintritt der ehrenvollen Beendigung seiner Amtszeit gelitten. 

Dr. Smirc möchte knapp grüßend vorbeigehen aber Warnix reitet der Teufel. Schnurstracks über die Straße. "Hallo, Herr Schlämmer!" Er stellt sich vor, wie diese bewußt den Amtstitel mißachtende Ansprache sich in den aufgeweichten Herrschaftsstolz der pensionierten Macht bohrt. Es nennt sich Schadenfreude und gehört nach Schopenhauer zu den Attributen der Bosheit. Aber Warnix lässt es hier gerne los. "Sie wissen ja, daß Sie auch die Straße bis zur Mitte reinigen müssen!“ Mit der heuchlerischen Freundlichkeit von Hunderttausend € jährlich plus. 

Schlämmer steht kurz vor dem Aufbrausen. "Warum muss ich immer versuchen, mich mit den Leuten gemein zu machen? Jahre Dienst an der Allgemeinheit. Und nun Gehässigkeit und Missachtung!"
Dr. Smirc zu Dr. Warnix: "Ich schunkle ja auch nicht gerne Arsch an Arsch mit der Gemütlichkeit. Aber ich bin auch hundsfroh, dass ich weder Beifall noch Verehrung von Abhängigen brauche."

Warnix erinnert sich an den Barras-Ton, als Schlämmer eine Mitarbeiterin vom ehrlichen Wort aus seiner Nähe verbannen ließ, an die barsche Art wie er einem Untergebenen die Bitte um eine Lohnerhöhung abschnitt: "Seien Sie froh, daß Sie bei mir untergekommen sind!"

Sind solche autoritären Stiefel schon als Jugendliche erkennbar? Knecht sein, Knechte sammeln? Andererseits: Gäbe es Gleichheit, wie lange bräuchte es zu Entscheidungen? Die Republiken der Cherokee sind wohl eben aus diesem Mangel heraus den vorangepeitschten Truppen der Kavallerie unterlegen. 

Wichtiger aber erscheint Dr. Smirc die Frage: Wozu so ein Nichts von Leben anstreben? Was gibt Dir die Macht schon? Außer Geld?

Gehorsam!- Ist es nicht schön, Menschen allein mit wörtlichen Anweisungen marschieren zu lassen? Dr. Warnix kurz: "Du meinst, den Sand des Lebens von einem zum anderen Ende des Kinderkastens schaufeln lassen?" "Nicht primitiv werden!" Jacko Ivanowitsch Smirc reagiert unwirsch, "Du bist doch plötzlich Teil einer Lebensorganisation, die es sogar erlaubt, Menschen an Deiner Stelle in den Krieg zu schicken und auch sterben zu lassen.“

Warnix bei sich: "Ich denke an den Russen Tschechonadski, kein Putin, der schreibt "Auch ich habe gekostet von der Macht-, auch mein Tisch war gedeckt mit unterschriftsreifen Papieren.- Sie hat mir nicht geschmeckt." Ist das nicht eine stolzere, würdigere Haltung?"

Laut: "Ich konnte meine Macht nur mit der Entschuldigung ausüben, dass es für sie eine Überprüfung gab und dass ich weitestmöglich gerecht blieb. Macht ohne wirksame Einschränkung war mir schon immer zuwider."

Smirc glaubt das natürlich nicht. Es klingt ihm zu sehr nach dem Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind: "Dann war Dir wohl auch die Verehrung, habe die Ehre, Herr Dr., nicht wert, Dich nach oben zu kämpfen?!"
Dr. Warnix winkt ab. Wer glaubt schon wie er an die Moral anarchistischer Märchen, Resolutionen der Republik, an die Brüderlichkeit von Traueransprachen?! Das Ah und Oh vor Königen und Schauspielern, vor Stars und ihren Erwerbern, vor Held und erstem Professor bringt selbst den kritischen Kopf von seinem Weg ab. 

"Und erst die Segnungen der Korruption!", Smirc läßt nicht locker. "Wie doch die Kunst und was sonst noch käuflicher Genuss ist, die Beine spreizt unter dem Lächeln des Großen!"
"Mann, merkst Du nicht, wie sex, drugs n rock'n roll der Herrschaft über das Leben ablenkt von seiner Schönheit?" Dr. Warnix ist nun wirklich sauer über die Sticheleien des Freundes. "Größenwahn, Vorabeiter, Boß, Gewerkschaftsboß, blablabla. Heiliger der Herrschaft, hast Du die Grabrede des Todes schon wieder vergessen?"

Ja, der Tod als Trauerredner, das war schon eine Erfahrung:

"Verehrte Anwesende, Verehrte und Verhasste, Hinaufgelangte und Übergangene, Freunde der Menschen und Dividenden. Wir sind hier zusammen gekommen, um unsere liebe und vorteilhafte Angehörige zu begraben.

Wer war es, der ihr den Namen Einsamkeit gab? Es muss lange vor unserer Geburt geschehen sein. Als wir ans Licht kamen, war sie schon da und schloss uns ein in ihre gläsernen Wände. Alle Mühen der liebenden Eltern, alle Ermunterungen und Spiele der Freunde, die prächtigen Licht- und Schattenspiele von Natur und Lust, das Heulen der Herrschaft, das Bellen ihrer Speichellecker waren immer nur kurzfristig in der Lage, die Tür in die Welt von Ich und Du zu öffnen. Die Einsamkeit aber war nimmermüde, überall und treu in Freude und Leid. 

Als sie dann in einem tiefen Schmerz, oder war es ein langes Siechtum an Aufmerksamkeit übender Liebe?, verschied, da spürten wir erst, was wir an ihr gehabt hatten. Nun gleiten wir in einer immerwährenden Gemeinsamkeit dahin, frei von Frust und Lust und ohne Furcht und Glauben um das Nichts. Wir versinken im Glück und Leid des Wir, wir vergessen den Weg, Anfang und Ende, wo uns das Ineinander auflöst.

Seien wir dankbar! Erinnern wir uns der guten Zeiten ihrer Allgegenwart! Wie tröstlich war es doch, fremd zu sein in der Welt! In den schwülen Sommernächten der Liebe erhob sich nach manchem Gewitter der Blick in die eisigen Horizonte einer Gleichgültigkeit. Sie öffnete den Raum über den Straßen der Sehnsucht, über den Nomadenzelten des Ich. Unter ihrem glitzernden Schweigen allein konntest Du den Rhythmus des Herzens nach einem Du pochen hören. 

Nun, wo wir Tag für Tag mehr vom Licht der Erkenntnis an Zufriedenheit und Wohlgefühl verlieren, lasst uns die schmerzend glimmenden Reste der Einsamkeit suchen in der Erinnerung, so lange wir noch etwas vom Ich wahrnehmen können. 

So wollen wir uns bedanken bei jener Unbekannten, die ausgerechnet uns unter Millionen Möglichkeiten auswählte, im Leben zu erwachen und uns beschenkte mit Liebe und der Sehnsucht Einsamkeit, der Lust, Leben zu erleben und weiterzugeben! 

Der Redner verlässt das Podium:" Die Angehörigen aus den beiden Familienzweigen Ruhm und Macht laden im Anschluss zu einem Imbiss Narzissmus, Burnuts und Deprösterchen ein. Da wollen wir lachen und fröhlich sein. 

Für die von Weiter hergereisten darf ich günstige Unterkunft im Paarhotel Exit empfehlen."

Und so weiter, und so weiter. Die beiden Doctores müssen sich beeilen, wenn sie ihren Platz bei der Carnevals-Degustation nicht verlieren wollen. Heute steht die Verkostung von hochprozentigen Karriereschnäpsen an, gut abgelagert in Vorstandskonten. Der Wein der braven Denkungsart soll nichts sein dagegen. 

Da! Schon hört man fernes Tuff-ta und ehrerbietiges Schweigen betrommelt die Promipercussion des Provinzblatts. Beschwingt vergisst und vergibt man. Die Probiergläschen werden präsentiert und mit Gott wirft man sich unter einem fettglänzenden Gospelschauer ins Gedränge am Trog.

Oder doch ohne Gott? Einer will ihn beim alten Schlämmer gesehen haben. 

Das glaubt aber nicht mal der sonst doch alles glaubende Salaf vom Pegihool. Da gehe eher ein Kamel durchs Nadelöhr. 

Gott sagt: "Nun lasst doch mal! Der ist alt!"

6.1.2015